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Nonduale Meditation, nonduale Sichtweise


Dieses sehr gekürzte Skriptum ist mit einem siebentägigem Retreat verbunden, in dessen Verlauf die hier vorgestellten Übungen ausgeführt werden. Es dient als Gedächtnisstütze für die Seminarteilnehmerinnen und erhebt nicht den Anspruch, ohne das Seminar verständlich zu sein. Die mündlichen Übungsanweisungen sind häufig deutlich länger als die hier gegebenen sehr komprimierten Formen. Ausdrücklich sei gesagt, dass alle hier vorgestellten Übungen über einen LÄNGEREN ZEITRAUM hinweg durchgeführt werden müssen, wenn sie nicht nur zu einer Einsicht in die nonduale Sichtweise, sondern zu einem ständigen Halten dieser Sichtweise führen sollen. Das Halten der nondualen Sichtweise ist nicht Resultat, sondern VORAUSSETZUNG jeder höheren buddhistischen oder hinduistischen tantrischen Praxis, sowie aller höheren Magie und der ursprünglichen Hexenkunst bzw. des Schamanismus. "Höher" bedeutet eben, von der nondualen Sichtweise ausgehend. Praktiken des Gottheitenyoga, die zu den Anuttara-Zyklen des tantrischen Buddhismus gehören (bzw. zum "inneren Tantra" des Nyingma Systems) können gefährlich und irreführend werden, wenn das erforderliche Fundament der nondualen Sichtweise nicht sicher gelegt ist.





Vorbereitende Übungen

Diese dienen dazu, den Geist für die eigentliche nonduale Meditation vorzubereiten. Es gibt viele solcher Übungen, wie etwa die "Vier Gedanken, die den Geist dem Dharma zuwenden", nämlich die Erwägung der kostbaren menschlichen Geburt, der Vergänglichkeit, des Karma und der Nachteile des Daseinskreislaufs. Im Sinn der Nondualität haben viele dieser Übungen und die uferlose Literatur dazu den Nachteil, dualistische Konzepte eher zu fördern als aufzuheben. So wird etwa die "Meditation über Vergänglichkeit" von vielen Lehren als passable Möglichkeit betrachtet, die Studenten zu motivieren, überhaupt zu praktizieren. ("Ich werde sterben. Was werde ich im schrecklichen Bardo tun, wenn ich den Dharma nicht geübt habe?", und so weiter). Ich halte das nicht für so eine gute Idee, weil oft nur ein Konzept nur durch ein anderes ersetzt wird. (Vorher war ich faul und unbewußt, aber jetzt bin ich eine praktizierende Yogini). Das ist sehr schade, weil die EXZESSIV ausgeführte Meditation der Vergänglichkeit, ich bezeichne das untraditionell als "Samadhi der Vergänglichkeit" bereits an sich allein und ohne weitere Übungen zu einer Erfahrung der Leerheit, somit zu einer Erfahrung der Nondualität führen kann.


Der Samadhi der Vergänglichkeit

Erste Stufe - aktuelle Vergänglichkeit
Mach dir im Meditationsitz mit offenen Augen (vorzugsweise im Freien mit etwas Ausblick) bewußt, dass alle Phänomene, die deinen Sinnen erscheinen, ohne jegliche Dauer sind. Kein Phänomen hat Bestand. Die festen materiellen Phänomene sind in Wirklichkeit wie ein Nebel, wie ein Regenbogen, wie eine schillernde Seifenblase, nicht weil sie irgendwann zerstört werden, sondern EBEN JETZT. Beachte dazu den Kenntnisstand der modernen Physik.

Zweite Stufe -generelle Vergänglichkeit
Mach dir bewußt, das jedes Phänomen irgend wann wirklich vollständig verschwinden wird, egal ob es sich um einen Berg oder einen menschlichen Körper handelt, DEINEN Körper zum Beispiel. Schau zurück, was alles und wer alles ist schon aus deinem Leben verschwunden? Auch alles, was jetzt hier ist, wird verschwinden, und alles, was noch kommt! Gestern habe ich in der Zeitung gelesen, eine Frau wurde im fahrenden Auto von einem schweren Stein getroffen, der sich aus einem Felsen löste, und war sofort tot, ein Bekannter von mir wurde vor vielen Jahren Augenzeuge, wie während eines Gewitters ein Mann vom Blitz erschlagen wurde. So ist die Natur, so ist unsere Existenz, es gibt keine Möglichkeit, vor solchen Ereignissen auszuweichen. Du kannst nicht wissen, ob du den morgigen Tag erleben wirst. Vergiß all dieses Material, was wohl zum Todeszeitpunkt passieren wird, sondern fühle EBEN JETZT diese vollständige Unsicherheit, die unser "Dasein", eben jedes "Dasein", ständig durchzieht. Das ist etwas schwierig zu konfrontieren, aber es ist unmittelbar evidente Wahrheit und der Schlüssel zu allem weiterem. Entspanne dich in die Vergänglichkeit von allem und jedem.


Meditation über Prajna Paramita

Meditiere über den Text des Prajna Paramita Hridaya Sutra. Mach dir speziell bewußt, das die Komponenten, welche dein Bewußtsein hervorbringen, alle völlig vergänglich (und somit leer von unabhängiger Eigenexistenz) sind, das gilt auch für sämtliche Begriffe, Konzepte, Gedanken, überhaupt alles, was du in deinem Geist beobachten kannst.


Fixierung auf ein Objekt

Diese Meditation hat nichts mit Nondualität zu tun, aber sie trainiert den Geist, bei einer Sache zu bleiben und Ablenkungen von dieser Sache zu erkennen. Im Hinayana nennt man das Samatha, Geistberuhigung, es gibt dafür 40 traditionelle Übungsobjekte. Im Kontext von Dzogchen wird oft ein weißes Sanskrit AH visualisiert, die Keimsilbe des Adibuddha Samantabhadra. Fixierung auf ein Objekt kann aber mit JEDEM OBJEKT ausgeführt werden, welches nicht zu kompliziert ist (weil ein solches Objekt die Gedanken zu sehr anregen würde), es ist auch nicht unbedingt erforderlich, ein Objekt zu visualisieren, man kann ein reales Objekt nehmen, es ansehen und das Bewußtsein in dieses Objekt lenken.
Wir nehmen als Übungsobjekt den eigenen Körper ("Betrachtung des Körpers"), weil dazu nichts vorbereitet oder visualisiert werden muss, außerdem erdet diese Übung sehr gut. Unmittelbar danach kann als Übungsobjekt auch die "Betrachtung des Atems" dienen. Beide Übungsobjekte, nur wenige Minuten geübt, eignen sich auch hervorragend als Einstimmung für nachfolgende höhere Meditationsmethoden.

Diese drei Übungen, Vergänglichkeit, Leerheit, Fixierung auf ein Objekt, decken bereits die gesamten Sutra-Standard Meditationen ab, Vergänglichkeit und Leerheit gehört zur Vipassana-Meditation ("Klarblicksentfaltung", Entwicklung der Sichtweise von Hinayana und Mahayana), und die Fixierung auf ein Objekt entspricht eben der Samatha-Meditation. Es gibt natürlich noch viele andere Vorbereitungsmöglichkeiten, ein Tantra-Praktizierender kann als Einleitung zur nondualen Meditation auch Gottheitenyoga üben. Es ist zu bedenken, dass jedes Gottheitenyoga spätestens am Schluss in die Nondualität aufgelöst wird, geübte Praktizierende lassen die Gottheit aus Nondualität/Leerheit entstehen, halten während der Rezitation und Visualisation Nondualität/Leerheit, um am Ende wieder in Nondualität/Leerheit ohne Anstrengung und geistiges Objekt zu verweilen!


Die Hauptübung von Dzogchen

Diese ist so einfach, dass es zunächst schwer ist, die weitreichenden Konsequenzen dieser Übung zu erfassen. Sie besteht daraus, die Dinge, die in unserem Bewußtsein aufsteigen, zu beobachten, ohne sie zu bewerten, zu beeinflussen und ohne sich in diesen Dingen zu verfangen, also die Position des Beobachters zu verlassen. Wir sind gewissermaßen ganz der Beobachter, völlig passiv. Es geht NICHT darum, den Geist ruhig zu halten oder Gedanken zu vermeiden, sondern der Geist wird in seinem natürlichen Zustand belassen, die Gedanken werden beobachtet, aber man fängt nicht an zu denken. Wenn du bemerkst, dass du abweichst, dich verwickelst, dass eine Kette von Gedanken entsteht, wo einer aus dem anderen entspringt, gehe wieder in die Position des Beobachters. Die Übung wird in den Texten "Spiegel des Bewußtseins" von Namkhai Norbu und dem "Spiegel der klaren Bedeutung von Nuden Dorje" (siehe Lit. Angaben unten) beschrieben sowie in vielen anderen Dzogchen Texten. Lies solche Texte vor der Meditation, denke aber während der Meditation nicht darüber nach. Es ist gut, diese Übung in formalem Meditationsitz zu machen, man kann sie aber in jeder Position ausführen, wenn man nicht mehr sitzen kann oder will, man soll dabei die Augen offen halten. Man sollte aber eine ruhige Umgebung haben, die nicht ablenkt, das Treiben auf einer Straße anzusehen wird zu sehr ablenken, da wir über die Beobachtungen nachdenken und der Geist sich in die Gedanken verwickelt. Die Übung muss sehr lange, über Stunden und Tage hinweg ausgeführt werden, da es nicht notwendig ist, dauernd formal zu sitzen, ist das machbar. Man spricht nach Möglichkeit nichts und vermeidet jede Ablenkung und Zerstreuung. Im Dzogchen gibt es das Symbol des Spiegels (Melong, siehe auch die Titel der erwähnten Texte), dieser Spiegel symbolisiert das Beobachten ohne Bewerten oder den Versuch etwas zu vertreiben oder festzuhalten.

Aus der "Großen Rigdzin":
"Was die Objekte des Geistes betrifft, die nicht zur Ruhe kommende Bewegung der Gedanken, die den fünf Geistesgiften entspringen, lass dich nicht in unnatürliche Aktivitäten verwickeln, wie an zukünftige Dinge zu denken oder an vergangene Dinge zu denken. Indem du den Geist beständig machst und die unruhige Bewegung an ihrem eigenen Ort hältst, wird sie im Dharmakaya befreit"

Dieser eigene Ort ist eben die Position des Beobachters, der neutrale Spiegel, auf dem die Gedanken ihre Spuren ziehen. Es geht nicht darum, die Unruhe zu beenden, sondern der Spiegel zu sein.
Padmasambhava (lt. Namkhai Norbu; Spiegel des Bewußtseins):
"Unser Geist hat sowohl Samsara als auch Nirvana erschaffen. Außerhalb dieses Geistes existiert weder das Eine noch das andere."

Der Geist, der Beobachter, der Spiegel, das Bewußtsein, das Gewahrsein: Hier liegt die Wurzel aller Phänomene, dies wird auch "Die Basis" genannt. Die Übung erfordert eine gewisse Erfahrung in den oben genannten vorbereitenden Übungen, weil der Geist dabei von aller "Dinghaftigkeit" befreit als vergänglich und leer, ohne Eigenschaften jeder Art, erkannt werden sollte. Es sollte nicht versucht werden, durch diese Übung irgend etwas zu erreichen oder zu verstehen, es geht darum, dieses Gegenwärtig-sein immer länger aufrecht zu erhalten. Der Anfang ist üblicherweise recht schwierig.
"Am Ende sollten wir die Fähigkeit erlangt haben, sobald wir zerstreut sind, dies sofort zu erkennen" (Namkhai Norbu) (Dieses erstrebenswerte Resultat ist nicht das Resultat von Dzogchen, sondern der BEGINN dieses Weges).

Was hat diese Übung mit Nondualität zu tun? Eine ganze Menge, da dabei eingeprägt wird, dass es keine guten und schlechten Inhalte des Geistes gibt, ALLE Inhalte sind, so man an ihre tatsächliche Existenz glaubt, sich mit ihnen befasst und den Geist ihnen folgen lässt, Ablenkung und Zerstreuung. Damit hängt auch der Begriff der "Basis" zusammen, welche der Urgrund von Samsara und Nirvana ist, den großen dualen Gegensätzen im Hinayana, dieser Urgrund ist eben nondual, und er ist nichts anderes als unser Geist.




Der Samadhi des Raums

"Raum" ist im Kontext von Dzogchen ein Synonym für Leerheit. So wie alle Phänomene die gleiche, aber eben negative Nicht-Eigenschaft haben, nämlich die LEERHEIT von unabhängiger Eigenexistenz, so haben sie auch eine positive Eigenschaft, nämlich dass sie einen bestimmten Raum einnehmen. Damit ist nicht leerer Raum gemeint (so wie ja auch Leerheit=Form, Leerheit=Gefühl usw. gilt) sondern auch der Raum, wo etwas ist. Man kann den Raum (vor allem in der Übung) als ident mit dem physikalischen Raum betrachten, aber letztlich geht es natürlich um einen inneren geistigen Raum, der durch den Samadhi des Raums vergrößert und bewußt gemacht wird. Ein Zen-Ausspruch lautet: "Unser Geist ist groß, weil er alle Dinge umfasst." Die Yum des Adibuddha, Samantabhadri, symbolisiert den alles umfassenden Raum, während der Yab Samantabhadra das Sich-Bewusstwerdens eben dieses Raums darstellt, beide sind untrennbar in liebender Vereinigung verbunden. Dieser Raum, egal ob er nun als innerer oder äußerer Raum aufgefasst wird, ist natürlich wieder die "Basis", manifestieren sich doch Samsara und Nirvana zweifellos gleicherweise innerhalb dieses Raums. Der Unterschied zwischen dem Adibuddha und uns besteht nur darin, dass Samantabhadra eben das Gewahrsein dieser Basis hat, während wir üblicherweise das "Gewahrsein von Samsara" haben, also uns in den einzelnen Phänomenen verlieren.

Die Grundübung:
Es ist zunächst anzuraten, den Raum zu begrenzen, den wir erfassen wollen. Das ist eigentlich widersinnig, aber das Erfassen des grenzenlosen Raums ist normalerweise zunächst unmöglich. Dies geschieht zum Beispiel, indem wir etwa 500 Meter vor uns einen kleinen roten Lichtball denken, ebenso auch 500 Meter hinter uns, links von uns, rechts von uns, ober uns und unter uns. Diese Punkte sind Teile der Oberfläche einer Kugel von 500 Meter Radius, in deren Mitte wir sitzen. Die Übung besteht nun darin, den Geist mit dem gesamten Inhalt der Kugel zu vereinigen. (Wir können auch einen Würfel oder was auch immer nehmen, das sind alles nur Krücken). Dass heißt, wir versuchen, möglichst viel von dem zu erfassen, was in der Kugel vor sich geht. Wir "fühlen" die ganze Kugel und "füllen" sie mit unserem Bewußtsein, indem wir uns ihrer bewußt werden. Wir können auch mit einer kleineren Kugel anfangen. Man kann das irgendwo anfangen einzuüben, für das Resultat der Übung muss man diese aber UNBEDINGT UNTER FREIEM HIMMEL AUSFÜHREN, nach Möglichkeit auf einem Hügel oder einer weithin ebenen Fläche, also mit möglichst großem, freiem Horizont. Es geht nicht darum, die Kugel zu visualisieren, sondern möglichst alles, was in der Kugel passiert, zu beobachten. Die Augen müssen offen sein (weit offen) und versuchen, rundherum und nach hinten zu sehen, also auch nichts bestimmtes anzusehen. Die Ohren und die anderen Sinnesorgane sollten ebenfalls weit offen sein. Nachdem man dies eine Weile geübt hat, macht man die Kugel noch größer. Und noch größer. Und noch größer. Hunderte, tausende, abertausende Millionen Kilometer. Man sitzt lange lange lange in dieser Übung, man kann sie auch ohne formale Meditationshaltung ausüben. (Vergleiche die obige Hauptübung). Man übt auch in sternenklaren Nächten, eventuell zeitweise auf dem Rücken liegend, um den Geist mit dem Sternenraum zu vereinigen. Man übt solange, bis der Geist sich mit dem gesamten Raum vereinigt hat. Dies wird Samadhi des Raums genannt. Das dieser etwas mit der nondualen Sichtweise zu tun hat, liegt auf der Hand. Erstens gibt es nur einen einzigen solchen Raum ohne irgendwelche Teile, es gibt auch keine besonders ausgezeichneten Bereiche oder ein Zentrum oder eine Grenze (auch nach den Lehren der modernen Astrophysik ist das so!). Zweitens ist dieser Raum naturgemäß frei von dualistischen Unterscheidungen wie Gut und Böse, Rein und Unrein, Erleuchtet und Nicht-Erleuchtet und so weiter. Natur-Variation Suche dir einen wilden abgelegenen Ort in der freien Natur aus und führe dort diese Übung einige Tage oder eine Woche oder länger durch, eventuell auch fastend.



Dunkelheits-Variation
Führe die Übung in einer finsteren Neumondnacht auf einem abgelegenem (lichtlosem) Ort in der Natur durch. Möglich ist auch ein komplett abgedunkelter Raum, für ein paar Stunden oder länger. (Das ist kein Dunkelretreat. Ein solches dauert länger und hat kein Objekt der Meditation in diesem Sinn).

Variationen mit Abgrenzungen (Schamanisch/Magisch)
So wie wir vorher mit einer künstlichen Abgrenzung in Form einer Kugel begonnen haben, können wir auch andere Abgrenzungen wählen. Die Übung besteht immer darin, möglichst viel Bewusstsein für alle Dinge innerhalb der gewählten Abgrenzung zu entwickeln. Beispiele: Wähle ein bestimmtes größeres Naturphänomen als Objekt der Übung: Das Innere eines Vulkans, einen mächtigen Berg, einen Wasserfall. Vereinige den Geist mit diesem Objekt. Behandle des Objekt respektvoll wie ein lebendiges Wesen und bringe ihm ein Opfer dar, etwa Nahrung oder Räucherwerk. Das hat zwar nichts mit der Übung zu tun, ist aber anzuraten, da unerwartet kräftige Phänomene eintreten können. Löse am Ende wieder den Geist von dem Objekt, kehre zu dir zurück und bedanke dich bei dem Wesen, welches deinem Geist Heimstatt gegeben hat.



Wähle ein bestimmtes Element als Objekt der Übung: Wasser in der Nähe eines Gewässers oder bei Regen, Luft bei starkem Wind auf freier Fläche, Erde im Inneren einer Höhle, Feuer durch Konzentration auf die Sonne (Nicht länger hinsehen!) und so weiter. Sehr interessant ist die Konzentration auf die untere Erd-Richtung: Gehe mit dem Geist etwa 100 Meter oder noch tiefer unterhalb der Stelle, auf der du sitzt. Versuche dann von diesem Punkt aus alles wahrzunehmen, speziell des Innere der Erde in einem bestimmten Umkreis. Gehe am Schluss wieder nach oben. All diese Übungen dienen dazu, Bereiche mit Bewusstsein zu erfüllen, die normalerweise nicht so sehr im Bewusstsein präsent wird, was letztlich alles den Samadhi des Raumes stützt, indem man einzelne Komponenten desselben betrachtet. In den kargen und menschenleeren Gegenden des Himalaya ergeben sich solche Betrachtungen ganz natürlich, wenn man zu Fuß unterwegs ist, und es ist wohl kein Zufall, dass sowohl das Dzogchen-System mit dem Himalaya verbunden ist als auch ein kraftvoller Schamanismus.


Der Samadhi des Mitgefühls

Es gibt eine etwas künstliche Übung des Mitgefühls im Hinayana und Mahayana, die darin besteht, die Wesen mit Mitgefühl zu bedenken und zu durchdringen, etwa auch, indem man an bestimmte Wesen denkt, ihnen wünscht, dass sie alles erlangen, was sie zu ihrem Glück benötigen und ähnliches mehr. Der Samadhi des Mitgefühls, von dem wir hier sprechen, wird NICHT auf diese Weise geübt. Er beruht zunächst auf einem gewissen merklichem Fortschritt im Samadhi des Raums (Ich denke, es wird schon klar, das das alles lange Prozesse sind, bei denen immer tiefere meditative Versenkung gewonnen wird). Dann macht man sich das Vorhandensein fühlender Wesen in dem Raum bewusst. Man beginnt zum Beispiel mit den Wesen innerhalb der 500-Meter Kugel aus der vorigen Übung. Alle diese Wesen erfüllen diese Kugel ebenfalls mit ihrer Bewusstheit. Die Kugel ist also nicht nur von deinem Bewusstsein durchdrungen, sondern auch vom Bewusstsein aller anderen Wesen darin. Macht man nun die Kugel größer, wird die Anzahl der Wesen größer, etwa die Bewohner einer großen Stadt. Unsere Kugel ist also ganz mit Bewusstheit erfüllt, von Bewusstheit durchdrungen. In einem weiteren Schritt legen wir nun unser Bewusstsein in eines der Wesen in dieser Kugel. Wenn man in einer Gruppe übt, kann man zum Beispiel das Bewusstsein in das Herzzentrum eines anderen Gruppenmitglieds versenken und gewissermaßen die Dinge nicht aus dem eigenem Zentrum beobachten, sondern aus dem Zentrum eines anderen. Wie wir in der Hauptübung des Dzogchen gelernt haben, hat dieses Zentrum immer die gleichen Eigenschaften und Möglichkeiten: Es ist wie ein Spiegel, es beobachtet, ohne sich zu verwickeln. Zwischen "unserem" Bewusstsein und dem unserer Nachbarin besteht bezüglich dessen kein Unterschied, die Unterschiede liegen in dem, was nun im einzelnen an geistigen Vorgängen beobachtet wird, aber darum wollen wir uns jetzt nicht kümmern. Und angesichts der Größe des Gesamtraums macht es wohl wenig Unterschied, ob ich diesen von mir aus beobachte oder von der Perspektive meiner Nachbarin, die drei Meter weiter sitzt. Wir machen hier nichts künstliches, wir schicken nicht irgendwelche netten Gedanken zu anderen Leuten, wir nehmen einfach die Bewusstheit der Wesen wahr, die den Raum erfüllt und zwar aus der Perspektive dieser Wesen. Wieder ist es so, dass wir das ganze exzessiv angehen, immer größere Kugeln, immer mehr Wesen. (Jetzt sind belebte Märkte, Versammlungen von vielen Menschen und ähnliche Gelegenheiten sogar förderlich für unsere Meditation). Durch diese Übung ensteht spontan ein nicht-unterscheidendes Mitgefühl, welches den gesamten Raum oder einen Ausschnitt desselben erfüllt, dass wird Samadhi des Mitgefühls genannt. Wesentlich ist das Nicht-Unterscheiden, wir denken nicht, dass es einen Unterschied zwischen Buddhas und anderen Wesen gibt, oder dass es gute und böse, karmisch begünstige und benachteiligte Wesen gibt, es gibt einfach bewusste fühlende Wesen, ihre Bewusstheit durchdringt den Raum, unsere Bewusstheit durchdringt ihre Bewusstheit. Das wird der Samadhi des unermesslichen Mitgefühls genannt. Dieses Mitgefühl ist das Mitgefühl des Adibuddhas, es durchdringt vollständig und vollkommen gleichmäßig den gesamtem Raum, egal ob wir uns dessen gewahr sind oder nicht. Man kann sogar sagen, dass es eine Eigenschaft des Raums ist, dass er von diesem Mitgefühl erfüllt ist. Damit schließt sich der Kreis zur Mahayana-Formel von Leerheit ident mit Mitgefühl. Nagarjuna, einer der größten Begründer des Mahayana, sagt, je tiefer die Leerheitserkenntnis, desto größer das daraus resultierende Mitgefühl. Der Aspekt der Nondualität in dieser Übung besteht in der Nicht-Unterscheidung zwischen den Wesen, es gibt keine Wesen, die näher oder ferner der Buddhanatur sind oder mehr oder weniger des Mitgefühls würdig sind.




Nondualität -ursprüngliche Reinheit

Ein weiterer Aspekt der Nondualität besteht in der sogenannten "Ursprünglichen Reinheit". Da die Phänomene leer von Eigenexistenz sind, da sie alle den gleichen Raum einnehmen, da sie sich aus einer Basis manifestieren, die frei ist von Samsara oder Nirvana (bzw. beides gleicherweise hervorbringt), kann man nicht sagen, dass es so etwas wie reine oder unreine Phänomene gibt. Wenn wir Phänomene als rein oder unrein sehen, ist das nichts anderes als ein Konzept, welches aus der Basis bzw. dem Spiegel des Gewahrseins sich erhebt, aber eben eine Täuschung ist, genau wie alle anderen Dinge, unser Geist verwickelt sich dauernd in Ablehnung von Phänomenen, die er als ablehnungswürdig empfindet, und in der Annahme oder Faszination durch Phänomene, die er als "fesselnd" empfindet. Rein und unrein, Ablehnung und Anhaftung, Hoffnung und Furcht, alle diese dualen Gegensätze haben viel mit unseren Erfahrungen und Einprägungen zu tun, oft völlig unsinnige Dinge, etwa dass wir keinen Fisch essen können, weil schon unsere Mutter Fische als stinkend und nicht essbar empfand. Wir sehen das ja alles ein, die Leerheit, das beobachtende Gewahrsein, den Raum, aber wir haben viele fest eingegrabene Strukturen des Denkens und Tun und Lassens in uns, die wir nicht so ohne weiters verlassen können. Diese hindern aber die Entfaltung der nondualen Sichtweise, weil sie uns in verschiedenen Dualismen festhalten. Es ist nur schwer möglich, durch meditative Übungen diese Dualismen zu überwinden, außerdem hängen sie sehr mit den individuellen Geschichten zusammen. Die Texte der nondualen Lehren beschreiben zwar das Ideal der Nondualiät, aber wie man dort hinkommt, bleibt oft reichlich unklar. Am ehesten findet man noch Hinweise, wenn man die Biografien der Mahasiddhas, von Padmasambhava und anderer Meister der Nondualität studiert. Oft ist es so, dass der Meister den Schüler direkt mit dessen Dualismen konfrontiert, wodurch dieser sieht, was für Dinge er aufzulösen hat. Da viele sich gar nicht so sehr mit einem Meister einlassen wollen, es auf der anderen Seite auch nur sehr wenige Meister gibt, die ein echtes Interesse daran haben, die nonduale Sichtweise zu zeigen, bzw. die Fähigkeit, die Schüler damit zu konfrontieren, will ich im folgenden einige grundsätzliche und ungeordnete Hinweise zur Überwindung des Dualismus geben, ihr könnt damit anfangen, was immer ihr wollt.

Das Gegenteil tun:
Ganz grundsätzlich erweitert es das Bewusstsein immer, wenn man bisher gewohnte Bahnen verlässt, Dinge probiert, die man noch nie probiert hat, Dinge tut, die man bis jetzt abgelehnt hat zu tun, Dinge nicht mehr tut, die man bis jetzt dauernd getan hat.

Mediengebrauch einschränken:
Sehr viel Dualismus wird aufgebaut, indem wir die Umgebung nicht durch unsere eigene Beobachtung, sondern hauptsächlich durch Medien wahrnehmen. Wir verbringen viel Zeit mit Fernsehen, Internet, Computerspielen, Handy-Telefonieren, Zeitung-Lesen und den abertausend weiteren Ablenkungen unserer immer mehr von Medien gesteuerten Kultur. All das hindert uns aber daran, die Welt UNMITTELBAR, also ohne Medium zu betrachten, was aber den zentralen Punkt der nondualen Sichtweise darstellt. Dazu kommt noch die ständige Zerstreuung, die uns hindert, die Hauptübung, das beobachtende Gewahrsein, auszuführen. Ich will nun nicht einem totalen Medienverzicht das Wort reden (obwohl man ab und zu Einzelretreats auch deswegen machen soll, um diesen ständigen Einstrom von Eindrücken eine Zeit lang abzuschalten), aber eine gewisse Reduktion ist für eine Yogini sicher angemessen. (Dieser Punkt wird in den alten Schriften nie erwähnt, weil es all diese Dinge nicht gab!)

Alles essen:
Eine Übende der Nondualität isst alles ungiftige und irgendwie essbare, dass heißt jetzt nicht, dass ihr euch bei McDonalds ernähren sollt, aber gerade beim Essen kann man sehr viel Abneigung und Anhaftung feststellen. Esst bei Gelegenheit einfach Dinge dir ihr sonst nicht esst (natürlich nichts, wo ihr wisst, dass ihr dagegen allergisch seid), ernährt euch in fernen Ländern möglichst so, wie es die Bevölkerung tut, wenn ihr wollt, macht ab und zu auch etwas ausgefallene Experimente. Muster der Sinneswahrnehmungen hinterfragen:
Was fürs Essen gilt, kann auch auf die anderen Sinne angewandt werden. Schaut euch mal Dinge an, die ihr schrecklich, abstoßend oder völlig uninteressant findet, hört euch solche Dinge an, konfrontiert euch mit ungewohnten Gerüchen und Tastwahrnehmungen (wie macht man das), und beobachtet euch dabei selbst.

Das Geld:
Geld braucht man einfach, wenn man nicht Tsampa essend in einer Höhle leben will (was meiner Meinung nach einen Dualismus darstellt, aber für manche ist es vielleicht das Richtige). Aber wollt ihr wirklich weiterhin so zu eurem Geld kommen, wie ihr das jetzt macht ? Oder wollt ihr in Wirklichkeit etwas anderes machen? Unser europäisches Samsara wird leider immer mehr von irgendwelchen Konzernmanagern gesteuert, und es gibt infolge des Kults der Profitmaximierung für einige Wenige eine immer mehr um sich greifende wirtschaftliche Unsicherheit. Denkt darüber ernsthaft nach, wie und wo ihr euch hier positionieren wollt. Nondualiät wird häufig dadurch leichter erkannt, indem man sich von den Konzernen und Banken nicht mehr schrecken lässt und konsequent den eigenen Interessen nachgeht. Wenn man es richtig angeht, bekommt man oft sogar MEHR Geld als durch die alten Strukturen. Löst euch komplett von dieser Idee "Ein Yogi hat/braucht kein Geld." Geld abzulehnen ist ein Dualismus, und wer es ablehnt, wird auch nie genug haben, den es ist ein sehr empfindliches Wesen. Natürlich ist es auch ein Dualismus, das Leben hauptsächlich am Erlangen von Geld zu orientieren, aber solche Leute landen im allgemeinen nicht bei Seminaren über Nondualität. Die vorbereitenden Übungen, speziell der "Samadhi der Vergänglichkeit" sollten bereits zu einem sehr starken Willen führen, die Interessen gewöhnlicher Leute hinter sich zu lassen "The Yogi should NOT avoid the affairs of the town", sagt das Hevajra Tantra, aber damit ist ein Yogi gemeint, also jemand, der die nonduale Sichtweise halten kann.

Liebe, Sex, Beziehungen, Familie:
Auch in diesem Bereich sind viele in einem Geflecht gefangen, welches die Erfahrung der Nondualität nicht gerade fördert. Im Sinne der Erfahrung von Nondualität solltet ihr euch einfach ehrlich fragen: Ist mein Liebes- und erotisches Leben so wie ich es haben möchte, und wenn nein, warum eigentlich nicht Erst wenn du liebevolle Erotik erfahren hast, wird es möglich, die sexuelle Energie als Mittel des Pfades zu nutzen (Instruktionen dazu zum Beispiel im "Liber X-Transform")
Nondualität wird selbstverständlich auch durch die tantrischen Yab-Yum-Gottheiten symbolisiert, Nicht-Zwei eben, sondern Vereinigung zu einem Bewusstsein, welches Leerheit und Ekstase als ident erfährt.

Was in den erwähnten Bereichen für jeden von euch möglich und sinnvoll ist, müsst ihr selbst herausfinden. Ihr sollt euch nicht überfordern, aber ihr sollt auch nicht alles im alten Trott lassen. Es sollte klar sein, dass die vollständige Verwirklichung der nondualen Sichtweise und die Anwendung und Integration in den Alltag nicht nur formale Meditation erfordert, sondern auch andere Handlungen.


Nondualität bedeutet immer, mit sich selbst nicht mehr im Widerspruch zu stehen, das Ende aller Energie raubenden inneren Kämpfe und Konflikte. Möge dieser wunderbare Zustand immer wieder erlangt werden!


Verehrung sei dem ursprünglichen Heruka, frei von Samsara und Nirvana, und dem Mahaguru Padmasambhava, dem Beschützer der Dakinis.




Theorie des buddhistischen Tantra, erläutert den theoretischen Hintergrund der buddhistischen nondualen Meditation: Ichlosigkeit und Leerheit.

Literatur zu Nondualität



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